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15
Aug

Schmerz oder kein Schmerz – entscheiden die Gene?

von Dr. Jan Dommerholt, Physiotherapeut, DPT, MPS, DAAPM

Warum werden manche Menschen nach einem Auffahrunfall zu chronischen Schmerzpatienten, während andere Menschen bei einem identischen Unfall unbeschadet davon kommen? Man schätzt, dass 14% bis 50% der Betroffenen anhaltende Schmerzen und weitere Symptome entwickeln. Gemäss einer klassischen Studie litten sogar 83% der befragten Probanden, welche in einen Auffahrunfall verwickelt waren, selbst 2 Jahre nach dem Unfall und Rechtsstreit an Symptomen.

Einige Anwälte, Forscher und sogar Ärzte glauben nicht, dass man insbesondere bei Unfällen mit niedriger Geschwindigkeit lang anhaltende Schmerzen entwickeln kann und deuten darauf hin, dass die Betroffenen an einer “Rechtsstreit Neurose” leiden. Mit anderen Worten, sie glauben, dass die Betroffenen Verletzungen und Schmerzen vortäuschen, um mehr Geld aus einem Rechtsstreit oder aufgrund psychischer Probleme zu erhalten.

Aufgrund einer kürzlich durchgeführten Studie sollte man solche Annahmen jedoch überdenken. Forscher an der Universität North Carolina School of Medicine haben eine biologische Ursache gefunden, warum manche Menschen chronische Schmerzen entwickeln und andere nicht. Sie fanden heraus, dass nicht die Verletzung selbst der wichtigste Faktor für die Entstehung chronischer Schmerzen sei, sondern dass es entscheidend ist, wie jemand auf Stress reagiert. Die Forscher haben sich auf die sogenannte Hypothalamic–Pituitary–Adrenal (HPA) Achse konzentriert, ein physiologisches System, das bei Stress-Reaktionen direkt beteiligt ist. Sie fanden heraus, dass bei einer vorhandenen Genvariation eines bestimmten Proteins (FKBP5 genannt), die Wahrscheinlichkeit sechs Wochen nach einem Autounfall mässige bis starke Schmerzen zu haben, um 20% erhöht ist. In der Studie untersuchten die Forscher auch Opfer sexueller Übergriffe und es stellte sich heraus, dass auch diese Opfer eher dazu tendierten chronische Schmerzen zu entwickeln, wenn sie die gleiche Genvariation hatten.

Zusammenfassend erklärt die Studie, warum manche Menschen nach einem Trauma anhaltende Schmerzen entwickeln und andere nicht. Es ist noch nicht klar, welche Auswirkung diese Erkenntnis auf die therapeutischen Interventionen hat. Man weiss noch nicht, ob bspw. eine Therapie, ein Medikament oder eine bestimmte Übung die dysfunktionale Stress-Reaktion verändern kann.

Weitere Informationen zum Thema finden Sie unter
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23707272
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/16157061

Dr. Jan Dommerholt
Mitglied des medizinischen Beirats von CatchMyPain.
Hier erfahren Sie mehr über ihn.

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